AKTUELLE SHOW

 

Thomas Palme
Bronzen und Zeichnungen

Vernissage:
Sonntag, 6. April 2014 | 12.00 - 16.00 Uhr
in Anwesenheit des Künstlers

 

Künstlergespräch geführt von Hendrik Bündge, Kurator Staatliche Kunsthalle Baden-Baden:
Sonntag, 6. April 2014 | 14.00 Uhr


Wie weit kann eine Zeichnung gehen? Nazischergen, Aktdarstellungen, Selbstportraits, Westernhelden, Tierköpfe, (penetrierte) Geschlechtlichkeiten, Portraits von schönen Frauen aus fernen und aus nahen Zeiten, visionäres Gequirle aus der Geschichte, der Geistesgeschichte oder einfach strudelnd aus dem Zufall heraus – und vielleicht sogar alles zusammen in einem Bild oder einem Bildertableau von Thomas Palme; die Motivmischung, die Gleichzeitigkeit des Dargestellten gerät in seiner barocken Überdosierung zu einer unfassbaren Irrwitzigkeit. Die Zeichnungen leben dabei von der ihnen eigenen Spannung. Oftmals steht dabei die Schönheit des treffenden Strichs im Kontrast zur Hässlichkeit des Dargestellten. Fratzen, dunkle Schlünde, Obszönitäten. Im erotischen Treiben und Geilen der aufreizenden Posen schwingt luzide der Schwanengesang mit ein – und umgekehrt: es ist eine Sexyness in allen Abgründen. Doch nach dem Orgasmus ist vor dem Orgasmus. Und nach der Todesnachricht ist vor der Todesnachricht. Eros und Tod, Heilsamkeit und Leid, Heutiges und Vorgestriges feiern sich in den Bildwelten des Draw-o-holic Thomas Palme gegenseitig und ja, sie verstärken ihre jeweilige Botschaft dabei. Im Vampirismus etwa kommen Sex und eine gute Dosis Ableben aufs Schönste zusammen. Thomas Palme gibt dafür alles: Seine Zeit, den Abschied von der sogenannten Normalität, volle Muskel- und volle Augenkraft, ein manisches Arbeitspensum. Zudem hat Thomas Palme sich zum Ausleben seiner inneren Notwendigkeit fernab des Kunstbetriebs ins Allgäu zurückgezogen. Es ist, als ob das Papier bloß Zunder wäre und Palmes Graphitstrich ein vor Hitze sich darin einbrennender Schmerz. Alles brennt. Und wir? Stecken unseren Blick hinein in die lodernden Flammen, er labt sich an der Schönheit der zerstörerischen Kraft. Unterm Strich stehen Fragen. Wie weh kann eine Zeichnung tun? Wie sehr kann sie uns und unsere Geschichte treffen? Wie belastbar ist das, was wir Schönheit nennen? Wer die Zeichnungen von Thomas Palme abstoßend findet, hat den Strich (in Akten so sitzend und treffend wie der von Egon Schiele) nicht wirklich studiert, denn was Thomas Palme mit seinem Stiften an Materialität aufs Papier zu zaubern in der Lage ist, grenzt ans Ende der Möglichkeiten: Fell, Haar, Haut, Fleisch. Die Stiftführung changiert dabei zwischen zart und brutal, zwischen streicheln und zermalmen. Natürlich kann gibt es immer ein Weiter, ein Mehr. Wenn man verstanden hat, dass man Perfektion nicht erreichen kann, ist man frei. Thomas Palme ist nah dran.

Und jetzt auch noch Bronzen. Original Totenmasken von Nietzsche, Goethe, Beethoven, Schiller und Co geben den Grundstock als Glorienschein dieser heute ins Klassische entrückten Personen bei; hier zeigen die bronzenen Kopf-Portrait-Ensembles mit Stoff, Stock und Kreuz mehr als die Fratze der Klassik. Es ist eine Art Rückholung ins Schamanenhafte, welche alles Blabla und Brimborium um die großen Männer wegwischt, sie ihren wahrhaft auratischen Zauber sinnlicher als jedes Wort, jede Note oder Geschichtsschreibung entfalten lässt. Bitte anfassen. 

Text: Arne Rautenberg

Ausstellung läuft bis 8. Mai 2014